Gastbeitrag: Eine Buchempfehlung von Daniel Gatz

Durch eine Diskussion im Radio bin ich auf das neue Buch von Ulrike Kegler aufmerksam geworden. Die mittlerweile pensionierte Schulleiterin der Montessori Oberschule Potsdam beeindruckte mich. Ihre klaren Vorstellungen davon, wie Schule sein könnte und sollte, haben mich seither sehr beschäftigt.

In ihrem Buch „Lob den Lehrer*innen“ erzählt sie von den Veränderungen, die nach und nach an ihrer Potsdamer Schule vorgenommen wurden, und von deren Auswirkungen auf das Lernen der Schüler*innen und vor allem der Lehrer*innen.

Die Veränderungen betreffen zum einen äußere Dinge wie etwa Räume und Zeiten (wo und in welcher Taktung Schule stattfindet), Materialien, Strukturierung von Gruppen („Klassen“) und Tagesabläufen, zum anderen zielen sie auf eine grundsätzlich andere Idee von „Fachunterricht“ und pädagogischem Zusammen-Arbeiten.

Beides ist selbstverständlich eng miteinander verflochten.

Anschaulich werden die beiden Punkte in folgendem Beispiel:

Die 12- bis 14-Jährigen verbringen einen Großteil ihrer Schulzeit nicht in der Schule, sondern in der sogenannten „Jugendschule“ am Schlänitzsee bei Potsdam auf einem Grundstück mit Hütte, das die Schule gepachtet hat. Sie arbeiten dort handwerklich beispielsweise mit Landwirten und Bootsbauern, kochen und essen gemeinsam. Die Gruppe setzt sich Anfang des Schuljahres gemeinsam mit den Lehrer*innen Ziele, die dann im Team angegangen werden.

Hier wird mit dem Irrtum aufgeräumt, dass theoretisches Wissen dem – auch individuellen – Erfahrungswissen überlegen sei. Es geht für Kinder und Jugendliche gerade in diesem Alter um Beziehungserfahrungen, so Ulrike Kegler.

„Hierin liegt sogar der eigentliche Sinn der Schule: eine Gemeinschaft, größer als die eigene Familie, kennenzulernen, Widerstände zu erfahren und zu bewältigen und temporäres Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, deren Blick in die Zukunft gerichtet ist.“[1]

In solch einer Schule wird auch die Rolle der Lehrenden neu definiert.

Projekte wie das eben beschriebene am Schlänitzsee sind natürlich nur machbar, wenn die Lehrer*innen über eine enorme Bereitschaft zur Kooperation mit den Kolleg*innen verfügen. Es ist für sie notwendig zu erfahren, wie entscheidend, neben ihrem Fachwissen, auch die Beziehungsarbeit ist und wie sie den gesamten Alltag und das Miteinander an der Schule prägt. Deshalb gibt es an der Potsdamer Schule zahllose Angebote an Coaching, Therapie, Supervision etc. für die Lehrenden, die alle zum Ziel haben, dass die Lehrenden sich und ihre Verhaltensmuster, Lern- und Familiengeschichte besser verstehen und in der Folge auch bewusster mit sich und den anderen (Lehrer*innen und Schüler*innen) umgehen können.

Ein weiteres Beispiel: Die Schule entschied, sich von den herkömmlichen Zeugnissen zu verabschieden. Es sollte nun verbale Beurteilungen anstelle von Ziffernzensuren geben. Das hatte natürlich Auswirkungen auch für die Lehrenden, die in einem enormen Lernprozess das gute Verbalisieren von Leistungen und Entwicklungsstand üben mussten.

Dazu gab es Schreibwerkstätten, an denen das gesamte Kollegium der Schule teilnahm.

„Kritisch und wohlwollend, beschreibend und analysierend, bewertend und prognostizierend über ein Kind zu schreiben ist eine hohe Kunst. Diese Fähigkeiten zu erlernen war Teil unserer Arbeit (…).“[2], schreibt Ulrike Kegler. Hier scheint mir der Kern dieser „neuen“ Schule zu liegen.  „Die alte Schule gibt in der Regel den Schüler*innen die Schuld. Wenn sie nicht richtig lernen, liegt das an ihnen. Dieser Zustand wird mit einer Note attestiert, die mit der restlichen Notenskala und den Mitschüler*innen vergleichbar ist. Basta! Warum etwas ist, wie es ist, wie es dazu gekommen ist und welche Ideen man hätte, um zu weiteren oder neuen Ergebnissen zu kommen, bleibt gänzlich ungesagt. Leistungsstände werden lediglich benotet, nicht beschrieben. Probleme werden nach außen verlagert, ins Elternhaus oder an die Nachhilfeinstitute. In dem Augenblick aber, in dem ich versuche, das Problem zu analysieren und in ganzen Sätzen zu formulieren, die noch dazu in die Öffentlichkeit gehen und eine rechtliche Relevanz haben, übernehme ich Verantwortung.“[3]

Diese Schule kommt mir gerade deshalb so spannend vor, weil es eine große Gemeinschaft von Lernenden ist.

Auch die Erwachsenen müssen hart an sich arbeiten, um ihrer großen Verantwortung gerecht zu werden. Nicht in der Anhäufung von neuem Fachwissen, sondern in ihrer Beziehungs- und Kooperationsfähigkeit.

Nach dem Motto: „Wenn du etwas kannst, versuch was Neues“ wird eben auch von den Lehrenden verlangt, fächerübergreifend zu arbeiten, sich neue „fachfremde“ Inhalte anzueignen, auch Theater zu spielen oder im Chor zu singen, in beziehungsintensiven Teams zu arbeiten oder Konflikte geradlinig anzugehen.

Hoffentlich konnte ich ein wenig Interesse an dem Buch wecken.
Ich jedenfalls hab beim Lesen wieder Lust auf Schule bekommen!


Daniel Gatz

Hat mal auf Lehramt studiert, ist aber Klarinettist geworden.

Lernt gerne mehr über Beziehung und Erziehung.


[1] Kegler, Ulrike: Lob den Lehrer*innen, Weinheim 2018, S. 52
[2] ebd S. 112
[3] ebd. S. 114

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