Kann man den Begriff „Liebe“ im Schulkontext überhaupt benutzen? Oder ist er nicht zu ideologisch und hat gerade in einem staatlichen Schulsystem nichts verloren?

Mit dem Begriff „Liebe“ ist es wie mit den Begriffen „Gott“ oder „Freiheit“: Wir reagieren irgendwie schnell allergisch darauf, weil sie so leicht missbrauchbar sind. Die Konsequenz sollte aber nicht sein, diese Begriffe nicht mehr zu verwenden, dann damit geht uns zu viel verloren. Sondern wir sollten darum ringen, sie immer wieder neu in einem demokratischen Aushandlungsprozess zu definieren (vgl. Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie, München 2018, S.35).

Was könnte denn dann eine Definition sein für den Kontext Schule?

Ich persönlich meine damit keine Liebe, die „in den Arm schließt“, sondern eine Haltung, die mit einem offenen Herzen Raum lässt für das Gegenüber. Es ist einfach meine ganz konkrete pädagogische Erfahrung, dass es unendlich viel wert ist, sich um eine solche Einstellung immer wieder zu bemühen.

Ein Beispiel: Ich habe einen total verkorksten Begegnung/Tag/Woche mit einer bestimmten Schülerin. Wenn ich dann am nächsten Tag zur Arbeit radele und, bevor ich ihr wieder begegne, nochmal für mich überlege: Was ist eigentlich cool an diesem Mädchen? Wofür mag ich sie? Wo kann ich sozusagen einen Anknüpfungspunkt finden, um mein Herz für sie wieder zu öffnen und ihr für heute wieder Raum zu lassen und zu geben?

Nach meiner Erfahrung bewirkt das Wunder. Es ermöglicht dem Gegenüber dann wieder, sich in eine andere Richtung zu entfalten, statt dass wir uns beide festfahren in den Rollen, die wir im Konflikt hatten (oder was auch immer die Situation war), aus der „Nummer“ quasi wieder ‚rauszukommen.

Und dann hat die Liebe im Schulkontext sehr wohl etwas zu tun und ist dann sehr wohl professionell: Denn das ist ja unsere Aufgabe als Lehrer*innen, den Raum dafür zu schaffen, dass Kinder und Jugendliche sich gut entwickeln können. Es ist dann auch kein nettes Extra, sondern sogar notwendig, da wir Schaden anrichten können, wenn wir dies nicht tun und wenn Kinder dauerhaft die Erfahrung machen, dass sie aus bestimmten Rollen nicht mehr herauskommen.

Denn so sehr man sich manchmal vielleicht zu wichtig nehmen kann als Lehrer*in, so wenig dürfen wir uns aus der Verantwortung ziehen: Wir sind als Lehrer*innen zuweilen sehr wohl zentrale Figuren sind für die Entwicklung unserer Schüler*innen, wir können Glaubenssätze der Kinder und Jugendlichen über sich selbst anstoßen und manifestieren, die sie noch ein Leben lang mit sich herumtragen. Deshalb meine ich, dass es zu unserer Professionalität gehören sollte, behutsam und bewusst zu denken, zu sprechen und zu handeln.

Sicher eine riesige Aufgabe… Aber die Kinder sind uns anvertraut und wir sind zur Gleichbehandlung aufgerufen. Und das heißt nicht nur „äußerliche“ Gleichbehandlung, indem ich mich bemühe, dass alle zu Wort kommen, dass ich Noten soweit es geht (…geht nachweislich nicht so weit…) objektiv vergebe usw. Sondern das heißt auch, dass ich allen immer wieder eine Chance gebe, ihre vielfältigen Seiten zu zeigen, sich zu entfalten, egal, wie sehr sich mich persönlich ärgern, nerven, triggern…

Das kostet viel innere Arbeit, und da braucht es dann vielleicht auch neue Unterstützungs- und Austauschmöglichkeiten im Kollegium, andere Ansätze in der Aus- und Weiterbildung. Das Buch von Ulrike Kegler, das Daniel Gatz diese Woche für den Blog rezensiert hat, gibt ja auch Anregungen in diese Richtung.

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