Nach einer kleinen Pause geht es heute weiter mit einem Beitrag, der vom Thema Haltung zu Beziehungen in der Schule und damit auch zu dem Themenkomplex Beurteilen und Bewerten überleitet. Schön, dass ihr dabei seid!


Im Frühling hatte ich ein Video-Interview mit meiner ehemaligen Kommilitonin Anna Immerz vom Institut für Musikermedizin in Freiburg, die gerade im Begriff war, ein Online-Seminar zum Thema „Stimme im Lehrerberuf“ für Lehramtsstudierende an der Uni Freiburg zu entwickeln und dazu ein paar Statements aus der Praxis einfangen wollte.

In diesem Gespräch wurde sehr schnell deutlich, wie sehr es im Lehrer*innenberuf um das Gestalten von Beziehungen geht (eben auch durch Stimme und Sprache, aber nur als Werkzeug). „Wer Beziehungen stärkt, macht Schule gut“, ist ja auch der Untertitel des Buches von Ulrike Kegler, das Daniel Gatz hier im Blog vor kurzer Zeit vorgestellt hat (hier geht es zu dem Beitrag).

Beziehungen in der Schule

Und ein paar Wochen nach dem Interview mit Silke Weiß, von dem ich im Haltungs-Beitrag berichtet habe, sah ich ein Interview ihrerseits mit zwei Lehrern der Alemannenschule in Wutöschingen. Eine Gemeinschaftsschule hier in Baden-Württemberg, die auch in die Endrunde des Deutschen Schulpreises 2019 gekommen ist. Die beiden Lehrer zeigten in dem Video-Interview unter anderem die – sehr  faszinierenden – Räumlichkeiten und berichteten von der Tablet-Ausstattung, den kleinen Lerngruppen, der freien Zeitstruktur des Unterrichts (am 22.Juli besuche ich diese Schule – ich bin schon sehr gespannt und werde hier davon berichten).

An der Alemannenschule gibt es keine Lehrer*innen und Schüler*innen, sondern Lernbegleiter*innen und Lernpartner*innen. Jeder Lernbegleiter*in hat eine Gruppe von 13 Lernpartner*innen, für die er insbesondere verantwortlich und ansprechbar ist. Das Lernen funktioniert sehr individualisiert, vor allem mit digitalen Methoden (jedes Kind hat ein eigenes Tablet). Die beiden Lehrer zeigten in dem Interview ihre Bibliothek: Wunderschöne Räumlichkeiten. Sie betonten aber gleich: Wenn Besucher kommen, staunen sie über die hervorragenden räumlichen Bedingungen, die technische Ausstattung, die Zeitstruktur. — „Aber das ist nicht das Entscheidende. Das entscheidende ist die Haltung.“

Beziehung braucht Zeit

Ja, das eine Entscheidende ist die Haltung. Aber meine persönliche Erfahrung ist: Das andere Entscheidende ist auch, dass ich ZEIT brauche, um diese Haltung zu leben. Zeit ist in der Schule – zumindest erlebe ich es so – ein wahnsinnig knappes Gut. Deshalb halte ich die Diskussionen um G8 oder G9 zwar für sekundär, finde aber dennoch die verkürzte Schulzeit bei gleichzeitiger Kompression der Inhalte fatal. Aber das ist nicht der einzige Grund für unseren Zeitdruck, die Bildungspläne sind auch ohne G8 viel zu voll und bieten zu wenig Raum für echtes Lernen – und für Beziehung.

Ein wichtiger Teil des Schulkonzepts der Alemannenschule sind deshalb die wöchentlichen 1:1-Gespräche zwischen Lernbegleiter*in und Lernpartner*in. Was für ein Luxus! …Oder auch nicht, denn: Im Interview wurde berichtet, dass, um Zeit und Raum für anderes zu gewinnen, man im Kollegium einmal beschlossen hatte, diese Gesprächszeit zu halbieren. Nach wenigen Monaten kam man mit großer Mehrheit von allen Seiten zu dem Ergebnis, dass dies unbedingt rückgängig zu machen sei, da es zu schlechteren Ergebnissen und weniger Zufriedenheit bei allen Beteiligten geführt hatte.

Einzelgespräche mit Schüler*innen

Wenn ich dann überlege, wie oft ICH mit Ruhe ein Einzelgespräch mit Schülerinnen habe… Klar, man könnte sich diese Zeit viel mehr nehmen. In der Lehrerkonferenz meiner Schule kam schon manchmal der Vorschlag eines Schüler-Sprechtages — wohlgemerkt, ein bis zweimal im Schuljahr! –, daran sieht man, wie wenig selbstverständlich und strukturell schwer leistbar 1:1-Gespräche in unserem Schulalltag sind.

Und dabei hab ich gemerkt: Diese Einzelgespräche bewirken so, so viel. Und das ist etwas so Schönes. Wie unglaublich könnten alle profitieren, wenn wirkliche Beziehung stattfinden könnte. Wenn beide Seiten sich abseits der Gruppe ein Stück öffnen können, eine Situation aus ihrer jeweiligen Perspektive beschreiben, der Gegenseite zuhören: Das sind wirklich Sternstunden im meinem bisherigen Lehrerinnen-Leben gewesen und es hat das anschließende gemeinsame Arbeiten total bereichert und erleichtert.

Umsetzungsideen

Es kostet natürlich viel Zeit. Gerade wenn ich eine Klasse mit 30 Schülerinnen habe, womöglich sogar viele Klassen… Aber denkbar wäre es doch z.B., es sich im Klassenlehrerteam aufzuteilen und zwischen jeden Ferien einmal mit 15 Leuten zu sprechen (Das wäre doch eine super Wette fürs Lehrer-Spiel! Vgl. Beitrag hier.). Wie gesagt, Beziehung braucht Zeit von Angesicht zu Angesicht, und Raum für Gespräch.

Beziehung vs. Bewertung

Und eines steht einer guten Beziehung immer im Wege, und das ist mit Schüler*innen auch nicht anders als mit allen anderen Menschen um uns herum (und je näher sie uns stehen, desto deutlicher): Bewertung. Es macht psychologisch einfach keinen Sinn und ist tausendfach erforscht, dass die gleichen Menschen, die mich beim Lernen begleiten sollen, mich hinterher auch bewerten! Lernen braucht bewertungsfreie Räume. Und vertrauensvolle Beziehung entsteht nicht, wenn Bewertung auf dem Fuße folgt.

Dass Ziffernnoten dem Lernen und der Entwicklung im Wege stehen, ist mittlerweile kalter pädagogischer Kaffee (beeindruckend, wie träge unser Bildungssystem solchen Erkenntnissen hinterherhinkt). Das Nächste und mindestens genauso Wichtige und Spannende ist aber unser „Bewertungstick“ — als Berufskrankheit, aber vielleicht auch als Menschen allgemein. Wie wäre die Übung, einen Tag alles Bewerten der Menschen in meinem Umfeld sein zu lassen und sich stattdessen darin zu üben, neugierig zu sein? Wer macht mit? 


Inspiration:
www.alemannenschule-wutoeschingen.de

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