Vergangenen Montag habe ich die Alemannenschule in Wutöschingen besuchen dürfen. Heute möchte ich euch davon berichten.

Wutöschingen ist ein kleiner Ort an der Schweizer Grenze, 10 km nordöstlich von Waldshut-Tiengen gelegen. Die Alemannenschule hat sich seit 2010 in einen bespielhaften Schulentwicklungsprozess begeben und wurde 2011 Gemeinschaftsschule. Eine der beiden Lehrerinnen, die damals als Pilotprojekt mit einer 5.Klasse in klassenübergreifendem, individualisierten Arbeiten in Lernateliers starteten, ist Verena Schabinger. Sie zeigte unserer buntgemischten Besuchergruppe am Montagvormittag die Schule, gab uns in einem kleinen Vortrag Einblicke in Entstehung, Leitbild und Struktur der Schule und führte uns anschließend durch die Schulgebäude und zu einem Austausch mit dem Schulleiter Stefan Ruppaner.

…Eben, wo ich mit der genaueren Beschreibung der Alemannenschule beginnen will, entdecke ich, dass es einen angenehm lesbaren, sehr informativen Wikipedia-Eintrag zu der Schule gibt… Ich möchte diesen daher hier Verlinken und werde euch anschließend in Stichpunkten meine Gedanken und Eindrücke von meinem Besuch notieren! Hier findet ihr alles beschrieben von der Arbeitsweise über die Schulstruktur bis zur Raumgestaltung: Leseempfehlung! Es ist hochspannend!
www.https://de.wikipedia.org/wiki/Alemannenschule_Wut%C3%B6schingen

Und nun stichpunktartig meine Eindrücke und Gedanken

  1. Was alles möglich ist, wenn sich ein paar Menschen auf den Weg machen und Neues wagen! Sicherlich kamen hier auf dem Weg auch ein paar glückliche Umstände zusammen, doch hat eine kleine Gruppe junger Lehrer*innen sich erstmal einfach auf den Weg gemacht. Sie hatten bald Unterstützung von führenden Ideengebern der Gemeinschaftsschulen wie Peter Fratton und Andreas Müller. Das Kollegium erneuerte sich nach und nach und mittlerweile kommt an die Schule, wer dieses System kennenlernen, darin arbeiten und es weiterentwickeln möchte. Beeindruckt hat mich der Satz von Verena Schabinger, dass sie sich im Kollegium immer wieder sagen mussten: Hinter das, was wir entwickelt haben, gehen wir nicht mehr zurück. Allein die Räume würden es heute gar nicht mehr hergeben, herkömmlichen Unterricht in Klassenverbänden zu geben… Obwohl offiziell Klassenlisten geführt werden müssen: In der Praxis machen sie es einfach anders, in kleineren, jahrgangsübergreifenden Lerngruppen.
  2. So ist im Leitbild der Schule z.B. festgeschrieben: „Wir tun alles dafür, dass jede*r selbständig lernen kann.“ Dies sei immer wieder ein Punkt, an den man sich erinnern müsse. Vor Abschlussprüfungen z.B. sei man als Lehrer*in dann doch immer mal wieder geneigt, doch nochmal alle zusammenzutrommeln und ihnen die „Inhalte“ nochmal „geballt“ vorzutragen. Dass dies aber mehr zum eigenen Wohlbefinden als zum Lernerfolg der Lernpartner beiträgt, muss man sich dann immer wieder sagen.
  3. Der Raum als dritter Erzieher: Neben der Haltung spielt die Lernatmosphäre eine riesige Rolle. Die Räume und Gebäude wurden mit der Zeit wunderbar einladend auf die Lernstruktur an der Alemannenschule angepasst: In den oberen Etagen sind die Lernateliers, in denen runde um die Uhr Flüsteratmosphäre ist. Unten die Marktplätze mit verschiedenen Möglichkeiten, sich in Gruppen zusammenzusetzen oder -zustellen (Bilder finden sich auf der Homepage der Schule). Alles ist akustisch sehr angenehm. Die Materialien sind schön und „wertvoll“: Es wurden bewusst verwundbare, weiche Materialien eingesetzt getreu dem Motto „Wer vandalismussicher baut, erzieht Vandalen“ — eine verletzliche Umgebung dagegen erzieht zu Sorgfalt, hierauf wird in Wutöschingen großer Wert gelegt und die Erfahrung ist durchweg positiv.
  4. Die Alemannenschule ist eine öffentliche Schule. Dass an vielen Privat- und Alternativschulen hervorragende neue Ansätze und Konzepte erarbeitet und umgesetzt werden, steht außer Frage. Aber diese Innovationsarbeit an einer öffentlichen Schule, noch dazu an einer offiziellen „Brennpunktschule“ mit eben nicht gefiltertem Klientel (sowohl bei den Elternhäusern als auch beim Kollegium) zu leisten, finde ich sehr bemerkenswert. Und ich könnte mir vorstellen, dass die bildungspolitische Wirksamkeit deutlich höher ist – ein Grund, weshalb ich auch gerne auf die Dauer an öffentlichen Schulen mitarbeiten würde. Übrigens: Das hessische Bildungsministerium investiert wohl in die Schulentwicklungsarbeit an der Alemannenschule. Es kommen Bildungspolitiker aus der ganzen Republik, um sich die Schule anzuschauen. Aus der aktuellen Landesregierung Baden-Württembergs war allerdings noch niemand da…
  5. Nicht zuletzt auch als Mutter eines Inklusionskindes beeindruckt mich, wie hier alle Kinder – mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf bis zu Hochbegabten und aus allen sozialen „Schichten“ – gemeinsam lernen. Jede*r in seinem Tempo und dennoch zusammen. Wenn wir dies nicht in der Schule schaffen, wie wollen wir als Gesellschaft Begegnung und Austausch über diese Grenzen hinweg selbstverständlich machen?

Mein nächster Schritt

Die Alemannenschule ist für viele Schulen, vor allem natürlich Gemeinschaftsschulen, Vorbild. Im neuen Schuljahr will ich mich im näheren Umfeld Freiburgs einmal umschauen und entsprechende Schulen suchen und eventuell auch besuchen. Dieser Weg scheint mir wirklich sehr spannend und hält viel von dem bereit, was mir immer wichtiger erscheint. Ein Danke der Alemannenschule für die Inspiration, Frau Schabinger und Herrn Ruppaner für die Einblicke und allen Kolleg*innen dort für eure Vorreiter-Arbeit!

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2 Kommentare

  1. Sehr interessant! Auch der Wikipedia-Artikel. Ich habe das Gefühl ich sollte in meiner Region Mal nach innovativen Schulen suchen…
    Liebe Grüße

    Liken

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