Tadaaa!

Heute gehe ich endlich mal an ein Thema, das ich schon seit der Geburtstunde dieses Blogs mit mir herumtrage: Anfang Juni bin ich durch das Spiel „Enkeltauglich Leben“ erstmals näher mit dem Begriff „Gemeinwohlökonomie“ in Berührung gekommen. Ich habe mir das gleichnamige Buch von Christian Felber, dem Initiator und maßgeblichen Entwickler der GWÖ, gekauft und darin zu lesen begonnen…

…Zufälligerweise (oder auch nicht, denn wann kommt man mit drei kleinen Kindern mal sonst so richtig zum Lesen…?) war ich gerade ein Wochenende alleine im Schwarzwald, um meine Schul-Gedanken zu sortieren und schließlich diesen Blog zu starten. Und zufälligerweise habe ich so unendlich viele Parallelen entdeckt zwischen dem Konzept der GWÖ und meinem Anliegen nach einer Veränderung des Bildungssystems.

Doch auch das ist kein Zufall, wie mir später klar wurde: Solange die Einstellung vorherrscht, dass wir in der Schule Menschen hervorbringen sollten, die – überspitzt formuliert – später dazu beitragen, das Bruttosozialprodukt zu steigern, solange werden diejenigen, denen Würde und Potenzialentfaltung des Menschen das zentrale Anliegen auch für die Schule ist, gegen Windmühlen kämpfen. Wie oft begegnet mir das Argument: „Aber die Kinder und Jugendlichen müssen doch lernen, alleine klarzukommen: sich durchzubeißen, durchzusetzen.“ Und diese Argumentation dringt dann immer tiefer und zu immer jüngeren Menschen vor: Wenn sie auf dem Arbeitsmarkt diese Skills brauchen, müssen diese im Studium erlernt werden, dafür wiederum vor dem Abitur, dafür wiederum vor der Gymnasialzeit, dafür wiederum schon im Kindergarten angelegt werden…. Und plötzlich haben wir den Menschen von kleinauf auf unser Wirtschaftssystem hin aus- und abgerichtet.

Schule und Gesellschaft sind aber unmittelbar miteinander verknüpft, und man könnte sich eine fröhliche Huhn-oder-Ei-Diskussion vorstellen, was von beiden zuerst reformiert werden müsste, damit das andere nachziehen kann… Lasst uns also einfach beides gleichzeitig angehen! — Uns bleibt ja auch gar keine andere Wahl, wenn uns unsere Zukunft und die unserer Kinder lieb ist! (Siehe auch in diesen Tagen wieder die aktuellen Mahnungen des Weltklimarates…). Den Ansatz der Gemeinwohlökonomie halte ich hierfür so einleuchtend wie detailliert durchdacht. Was könnten wir von den Grundsätze der GWÖ lernen, wenn wir sie auf die Schule übertragen?

Zunächst: Was ist Gemeinwohlökonomie überhaupt?

In einem Interview im Deutschlandfunk beantwortet Christian Felber diese Frage mit vier Sätzen:
„Eine Gemeinwohlökonomie ist eine Wirtschaftsform, in der alle wirtschaftlichen Aktivitäten grundsätzlich auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind. Deshalb wird auch wirtschaftlicher Erfolg an Gemeinwohl-Kenngrößen gemessen. Wir messen den Erfolg von Investitionen an der „Gemeinwohl-Prüfung“, den Erfolg von Unternehmen an der „Gemeinwohl-Bilanz“ und den Erfolg von Volkswirtschaften an dem „Gemeinwohl-Produkt“. Je mehr Unternehmen und andere wirtschaftliche Akteure (also auch z.B. Investoren) gemessen an der Gemeinwohl-Bilanz zum Gemeinwohl beitragen, desto leichter sollen sie es haben, damit ihr heutiger Wettbewerbs-Nachteil (weil sie durch höhere Verantwortung ja höhere Kosten haben) in einen Wettbewerbs-Vorteil gekehrt wird.“
(Ergänzend verlinke ich für die Neugierigen unter euch unter diesem Beitrag ein anschauliches, fünfminütiges Erklärvideo.)

GWÖ und Schule

Ich will nun damit beginnen, einzelne Aspekte aus der Grundlegung der GWÖ auf die Schule zu übertragen. In Teil II dieses Beitrags wird es im Laufe der nächsten zwei Wochen damit weitergehen. Die Zitate stammen aus dem o.g. Buch von Christian Felber, dessen Angaben ihr unter dem Beitrag findet.

Werte

-> GWÖ: Werte sind das Fundament des Zusammenlebens. Doch wir leben in einem dauerhaften Widerspruch zwischen unseren persönlichen Werten (z.B. Vertrauen, Teilen, Verbindung) und denen unserer Wirtschaftsordnung (Egoismus, Konkurrenz, Gier). „Dieser Widerspruch ist nicht nur ein Schönheitsfehler in einer multivalenten Welt, sondern ein kultureller Keil; er spaltet uns im Innersten — sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft.“ (S.12)
-> Schule: Auf der einen Seite lassen wir die neuen Fünftklässler*innen Spielregeln aufstellen wie „Wir helfen einander“, „Wir respektieren jede*n“, machen Teamspiele zur Stärkung der Klassengemeinschaft und führen in der Mittelstufe erlebnispädagogische Projekttage durch. Im ganz normalen Alltag aber erleben die Schüler*innen, dass sie vorne an der Tafel, bei ihrer Klassenarbeit, mit ihrer Note usw. ganz allein dastehen. Das geht so weit, dass einzelne die vorher so hoch gehängte Klassengemeinschaft verlassen müssen, weil die „Individualleistung“ nicht stimmt: Sitzenbleiben, Schulwechsel — und das nicht, weil es für dieses Kind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr stimmt, sondern weil wir nicht anders mit Heterogenität umzugehen wissen.
Dazu nochmal ein Zitat aus dem GWÖ-Buch, das unverändert auf jede*n Schüler*in zutreffen könnte (die*der z.B. in der Situation ist, den*die Nachbar*in abschreiben lassen zu können oder nicht): „Dann bricht in uns ein heilloser Widerspruch auf: Sollen wir uns solidarisch und kooperativ verhalten, einander helfen und stets auf das Wohl aller achten? Oder zuerst den eigenen Vorteil im Auge haben und die anderen als RivalInnen und KonkurrentInnen kurzhalten?“ (S.13)

Würde

-> GWÖ: „Bis heute bildet die Annahme, dass die Egoismen der Einzelakteure durch Konkurrenz zum größtmöglichen Wohl aller gelenkt würden, den Legitimationskern der kapitalistischen Marktwirtschaft. […] Konkurrenz spornt zweifellos auf ihre Weise zu Leistung an […], aber sie richtet einen ungemein größeren Schaden in der Gesellschaft und an den Beziehungen zwischen den Menschen an. […] Wenn wir andere […] übervorteilen, dann behandeln wir sie nicht als gleichwertige Menschen: Wir verletzen ihre Würde.“ (S.14)
-> Schule: Der vor zwei Wochen verstorbene, weltweit renommierte Familientherapeut Jesper Juul hat den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt: Das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern wird damit nicht nivelliert (keine „Gleichwertigkeit“), aber die Würde beider Seiten ins Zentrum gerückt. Dieser neue Begriff ist m.E. ungemein hilfreich, denn er lässt – bei unbedingter Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen – die Verantwortung für die Qualität der Beziehung bei den Erwachsenen.
Auch in Bezug auf die Schule nützt es wenig, das Machtgefälle zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen wegzureden. Die Frage ist, wie damit umgegangen wird und „in welchem Geist“, d.h., was die Grundintention ist. Dazu wiederum aus der GWÖ — und auf Schule 1:1 übertragbar: „Ein Machtgefälle in [ökonomischen] Tauschbeziehungen wäre nicht das geringste Problem, wenn alle einander mit Achtung und dem Vorsatz der Wahrung der Würde begegnen würden. Denn dann würde die mächtigere Person der weniger mächtigen Person auf Augenhöhe entgegentreten, sie sehen und ihre Bedürfnisse und Gefühle genauso ernst nehmen wie die eigenen; und erst mit dem Ergebnis zufrieden sein, wenn beide damit gut leben können.“ (S.17)

… Fortsetzung folgt!

In der nächsten Folge geht es weiter mit den Aspekten Wettbewerb, Konkurrenz vs. Kooperation und Motivation. Sei dabei und lass mich einstweilen gerne an deinen Gedanken und Reaktionen zum Thema teilhaben!

Inspiration:
Interview mit Christian Felber im Deutschlandfunk Kultur vom 29.05.2019
– Christian Felber: Gemeinwohlökonomie, Piper 2018
GWÖ kurz erklärt (5-Minuten-Erklärvideo auf youtube)
Nachruf auf Jesper Juul in der Süddeutschen Zeitung vom 26.07.2019

Beteilige dich an der Unterhaltung

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