Heute setze ich den Beitrag zu Gemeinwohl-Ökonomie und Schule fort (Teil I findet ihr hier). Dabei geht es nun um die Themen Wettbewerb, Kooperation vs. Kontrakonkurrenz und Motivation. Die Zitate stammen aus Christian Felber: „Gemeinwohlökonomie“, die genauen Angaben findet ihr unter dem Beitrag.

Wettbewerb

-> GWÖ: Die Maxime, Wettbewerb sei die effizienteste Anreizmethode für Leistung, bezeichnet Felber als einen „Grundmythos der Marktwirtschaft“ (S.19) und berichtet von seiner Suche nach empirischen Belegen für diese verbreitete Annahme, die regelmäßig auch von Wirtschaftnobelpreisträgern reproduziert werde (vgl. z.B. Ernst August Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, Wien 2004, S.22). Eine Meta-Studie von Alfie Kohn fasst 369 Studien verschiedener Disziplinen (Sozialpsychologie, Pädagogik, Neurobiologie u.a.) zusammen, die danach fragen, ob Wettbewerb stärker motiviere als jede andere Methode. Das Ergebnis: 87% der Studien „kommen zu dem Befund, dass Konkurrenz nicht die effizienteste Methode ist, die wir kennen. Sondern: Kooperation.“ (S.19.)
-> Schule: Auch in der Schule arbeiten wir viel , dass Wettbewerb ansporne. Dies hängt auch eng mit dem Punkt „Werte“ aus Teil I dieses Blogbeitrags zusammen, wo es um den Widerspruch ging, in dem wir und auch schon die Kinder so oft stehen: Sollen wir uns gegenseitig helfen oder unseren eigenen Vorteil im Blick behalten? Ziffernnoten, Tests und vergleichende Leistungsbewertung (Stichwort Gauß’sche Normalverteilung, die wir alle im Ref gelernt haben…) widersprechen sich hier oft mit den Bemühungen um Teamarbeit, Fairness, Ich selbst erinnere mich nachdrücklich an eine Situation als Kind (das war zu Beginn der zweiten oder dritten Klasse), als mir – zum Ansporn, weil ich in meinem Ehrgeiz oder Fleiß oder so wohl etwas lax zu werden schien – gesagt wurde: Jetzt so ab Klasse 2/3 entscheide sich, wer vorne mit dabei wäre und zu den Besten gehöre, da müsse man sich ein bißchen Mühe geben.
…Den genauen Wortlaut erinnere ich nicht mehr, aber den Ort und mein flaues Gefühl dabei um so genauer. Davon abgesehen, dass es inhaltlich Quatsch ist, weiß ich noch, dass diese Situation den Konkurrenz-Gedanken in Bezug auf Schule neu in mein Denken brachte: Denn es ging ja um „Gut-Sein“ im Vergleich zu den anderen, nicht um eine spezifische Aufgabe, die ich für mich erledigen sollte. Wohlgemerkt: Es handelte sich in meinem Fall um ein wohlbehütetes Waldorfschul-Umfeld! Heute zeigt diese Situation für mich zum einen, was man als Eltern oder Pädagogen so alles dahersagt, weil man nicht so genau drüber nachgedacht hat und Kinder gerne in eine bestimmte Richtung „lenken“ möchte (kann mal passieren). Zum anderen zeigt es aber, wie tief die Idee von Wettbewerb, und eben auch schon in der Schule, in unseren Köpfen verankert ist: Zeit, umzudenken!
Denn: „Wer seinen Selbstwert daraus zieht, besser zu sein als andere, ist davon abhängig, dass andere schlechter sind. Psychologisch gesehen handelt es sich hier um pathologischen Narzissmuss: Sich besser zu fühlen, weil andere schlechter sind, ist krank. Gesund ist, dass wir unser Selbstwertgefühl aus Tätigkeiten nähren, die wir gerne machen, weil wir sie aus freien Stücken gewählt haben und darin Sinn erfahren. […] Die besten Leistungen kommen nicht zustande, weil es eine KonkurrentIn gibt, sondern weil Menschen von einer Sache fasziniert, energetisiert und erfüllt sind, sich ihr hingeben und ganz in ihr aufgehen. Den Wettbewerb braucht es nicht.“ (S.20 und 21)
-> Wie schaffen wir genau dafür in der Schule Raum? Und wie und wo sähe auch unsere außerschulische Welt anders aus, wenn viele Menschen aus und mit dieser Energie handeln?

Sicherlich wäre es auch hier ein unabdingbarer Schritt, eine bewertungsfreie Lernumgebung zu schaffen — und das nicht einmal wöchentlich am Nachmittag für zwei Schulstunden, sondern ganz zentral! Bewertungssituationen müssen die Ausnahme bilden, nicht umgekehrt. Und idealerweise bewerten andere, als diejenigen, die das Lernen begleiten (z.B., wenn das unbedingt sein muss, zentrale externe Tests, zu denen die Schüler*innen sich als Gelingensnachweise anmelden können –> Zur Frage, inwiefern Prüfungen zukünftig überhaupt notwendig sind, dazu empfehle ich diesen aktuellen Beitrag des Freiburger Pädagogen Dejan Mihajlovic beim Deutschen Schulportal).

Kooperation vs. Kontrakonkurrenz

Nicht Wettbewerb ist also der stärkste Motivator, sondern Kooperation. Was bedeutet das?
-> GWÖ: „In der Gemeinwohl-Ökonomie wird die Konkurrenz nicht abgeschafft. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Form von Marktwirtschaft und beruht auf einigen ihrer Grundbausteine: private Unternehmen (=Markt) und Geld als Zahlungsmittel. Solange es das Recht auf freie Unternehmungsgründung und die Möglichkeit zum Konkurs gibt, gibt es zwangsläufig die Möglichkeit zur Kontrakonkurrenz. Wird sie gefördert und angefacht, wird die Wirtschaft zum Schlachtfeld. Wird sie hingegen durch den rechtlichen Anreizrahmen gebremst und in Nachteil gestellt, kann sie innerhalb der Primärstruktur der Kooperation nahezu unsichtbar werden.“ (S.59)
Das Konzept der GWÖ schlägt also ein Anreizsystem vor, um Kooperation zu fördern, also das Arbeiten von Unternehmen miteinander und nicht gegeneinander.
-> Schule: Kompetenzen und Lernerfolge sollten nicht im Einzelkämpfermodus erworben und gemessen werden. Wir müssen Formate entwickeln, in denen sowohl in den Lern- als auch in Testsituationen das Zusammenarbeiten und Gemeinsam-ans-Ziel-Kommen im Mittelpunkt steht. Und ja, das bedeutet dann auch, dass nicht alle exakt die gleichen Skills erwerben müssen, sondern eben die, die die Gruppe braucht, um ihr Ziel zu erreichen. Das wäre auch zukunfts- und berufsorientiertes Lernen, wenn man damit für diese Idee werben möchte. Gute Pionier-Beispiele aus der Praxis bietet hier die Plattform von Schule im Aufbruch.

Motivation

-> GWÖ: „Einer der häufigsten Vorbehalte, wenn Menschen das erste Mal von der Gemeinwohl-Ökonomie hören, ist die Sorge, dass die Motivation in der Wirtschaft erlahmen würde, wenn Unternehmen nicht nach grenzenlosem Finanzgewinn und Personen nicht vorrangig nach ihrem eigenen Vorteil streben könnten; und wenn die Konkurrenz „abgeschafft“ würde: Woher sollen dann der Leistungsanreiz, die Innovation – unser Wohlstand – kommen?“ (S.118)
-> Schule: Dies ist sicherlich das häufigste Argument gegen eine Abschaffung von Noten in der Schule. Das sozialdarwinistische Menschenbild, das diesen Befürchtungen zugrunde liegt, kennt keine „intrinsische Motivation, kindliche Neugierde, Inspiration oder spontane Kreativität“ (S.118) – was wissenschaftlich nicht haltbar ist, man vergleiche zum Beispiel die Arbeiten des Freiburger Psychiaters und Neurowissenschaftlers Prof. Joachim Bauer.
-> GWÖ: „Zunächst ganz pragmatisch: Der häufigste und einfachste Beweggrund in einer Gemeinwohl-Ökonomie, sich an einem Unternehmen zu beteiligen oder es zu gründen, liegt darin, dass Menschen unverändert ein monetäres Einkommen benötigen.“ (S.118 f.)
-> Schule: Dies entspräche in der gemeinwohlorientierten Schule: „…dass Menschen unverändert einen Schulabschluss erreichen wollen.“
-> GWÖ: „Der Rahmen wird aber ein ganz anderer […] sein als heute: Denn die Menschen werden in der Gemeinwohl-Ökonomie a) mehr mitgestalten und miteintscheiden können, weil die Rolle der „UnternehmerInnen“ und „ArbeiterInnen“ zunehmend verschwimmen (-> Schule: der „Lehrenden“ und „Lernenden“); b) mehr Sinn in der Erwerbsarbeit finden (-> Schule: mehr Sinn im Lernen finden); c) weniger gestresst und überfordert sein (-> Schule: dito); und d) werden die Unternehmen nicht zueianander in Kontrakurrenz stehen und höhere Gewinne erzielen müssen als die anderen […] (-> Schule: „werden die Schüler*innen…“).“ (S.119)

-> GWÖ: „Nicht nur die Glücksforschung, sondern auch sozialpsychologische und neurobiologische Forschungen kommen zum Schluss, dass Menschen durch andere Faktoren viel stärker motiviert werden als durch Geld: unter anderem durch das Streben nach Autonomie und Identität, Kompetenz, Beitrag, Gemeinschaft und Beziehung.“ (S.120)
-> Schule: In den weiterführenden Schulen erleben wir eigentlich tagtäglich, wenn wir uns auch nur einigermaßen nah an unsere Schüler*innen heranwagen, was für eine große Rolle diese genannten Punkte gerade während der Pubertät spielen! Nicht selten verzweifeln wir daran, dass z.B. Identitätsfindung und Zur-Gemeinschaft-dazugehören-Wollen so dominant sind, dass andere Leistungs- und Lernanreize die Jugendlichen gar nicht zu erreichen vermögen. Und wenn wir, statt mit immer erfindungsreicheren Mitteln irgendwie doch noch ein Fünkchen Interesse für unseren „Stoff“ in diesen Köpfen zu ergattern, diese dem Entwicklungsalter ureigenen Anliegen in den Mittelpunkt stellen und für das Lernen und die Potenzialentfaltung fruchtbar machen könnten?
-> GWÖ: „Wir wären nicht sehr weise, wenn wir die „Expertise“ oder kollektive Erfahrung, die wir mit Glück und gelingender Gemeinschaft schon wissenschaftlich gesichert haben, nicht auch in der Wirtschaft (-> in der Schule) anwenden würden.“ (S.121)

So, das war’s erstmal…

…zum Thema GWÖ und Schule, auch wenn es hier noch sehr viel mehr zu entdecken gibt! (Zum Beispiel gibt es mittlerweile eine Gemeinwohlbilanz für Schulen, die z.B. die Waldorfschule Wetterau angewendet hat. Das wäre dann vielleicht mal ein weiteres Thema in der Zukunft…) Ich hoffe, ich konnte euch ein bißchen zeigen, als wie gewinnbringend ich es empfinde, Parallen zwischen GWÖ und Schule herzustellen. Wenn dir der Beitrag gefallen hat, teile ihn gerne mit Menschen, die sich dafür interessieren könnten!

Inspiration:
– Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie, München 2018.
– Ernst August Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, Wien 2004.
– Alfie Kohn: No Contest. The Case against Competition. Why we lose in our race to win, Boston/New York 1992.
– Dejan Mihajlovic: Prüfungen abschaffen! (Deutsches Schulportal)
www.schule-im-aufbruch.de
– Joachim Bauer: Lob der Schule, Dresden 2008.
Bericht über die Gemeinwohlbilanzierung der Freien Waldorfschule Wetterau

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2 Kommentare

  1. Ich kriege eine neue 5. Klasse nach den Ferien und werde ein quasi notenfreies Schuljahr in Musik durchführen. Sowohl auf Leistungsnoten als auch auf das musikalische Zeichensystem bezogen… letzteres ist im Singklassenmodell ja eh gang und gäbe, und für ersteres haben wir uns entschieden, weil… naja, wer diesen Blog liest, kann sich das ja denken!
    Wieso „wir“? Als Lehrer bin ich doch „Einzelkämpfer“? NEIN! Das große Glück ist, dass ich die Klasse im team teaching mit meinem eminent geschätzten Kollegen Frank unterrichten darf. Und die gesamte Fachschaft und die Schulleitung hat, nachdem wir unser „Konzept“ vorgestellt hatten, über den Aspekt, dass es keine schriftlichen Arbeiten geben wird, kein Wort verloren! Natürlich kriegen die Kids am Ende eine Note ins Zeugnis, muss ja… aber da werden sie selbst ein gehöriges Wort mitzureden haben.
    Liebe Katharina, mit herzlichem Dank für Deine so wertvollen Denkanstöße und HANDLUNGSanstöße möchte ich fragen, ob Frank und ich vielleicht nach einigen Erfahrungen einen Gastbeitrag hier verfassen können.

    Sehr wiedergefunden habe ich mich auch in allem, was Du über Liebe als professionelle Haltung schriebst. Es ist für mich unabdingbar, und ich habe niemals meine Persönlichkeit an der Garderobe abgeben wollen. Ich habe in meinem Abiturkurs, in dem ich natürlich Noten geben muss, erlebt, dass die Noten ziemlich sekundär für die Jugendlichen werden, wenn es eine Kultur der Wertschätzung und – ja – Liebe im Unterricht gibt. Die Noten waren teils wirklich nicht gut (Abi-Standards und so), Klausurschnitte von 8 Punkten usw. – aber es hat selbst bei den „schlechtesten“ nicht zum Motivationscrash oder sonstwas geführt. Das zeigt mir, dass man, wenn man so etwas konsequent weiterführt, die Noten vielleicht wirklich nicht mehr braucht. Die „lernen“, weil sie tiefer einsteigen wollen, weil es sie fasziniert. Noch nicht immer und noch nicht immer alle, aber es ist so beglückend für mich.

    Sorry, ist etwas ungeordnet, Hirn ist eigentlich im Urlaubsmodus, aber das war mir jetzt ein Anliegen.

    Alles Liebe und bis hoffentlich bald,

    Daniel (mit Grüßen von Hanna)

    Liken

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