Schüler*innen lernen dann am besten, wenn sie einen sicheren Raum haben, in welchem ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden.

Kürzlich hörte ich ein Interview mit Wilfried Schley, emeritierter Professor für Sonderpädagogik. Er hat viel geforscht zu Inklusion, also der Integration von Schüler*innen „mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ in Regelklassen. Und dabei herausgefunden, dass gelingende Inklusion viel weniger von optimaler individueller Förderung durch gutes Material und Methoden etc. abhängt, als davon, dass da eine Lehrperson ist, die in der Lage ist, die Bedürfnisse dieses Kindes wahrzunehmen und auf sie einzugehen.
Dies entspricht meiner Erfahrung, die ich im letzten Beitrag aus dem Familienkontext geteilt habe: Dass Konflikte so viel besser zu klären oder einzuordnen sind — nicht unbedingt vermieden werden, aber dass sie seltener dazu führen, dass ich mich oder womöglich meine Kinder als unzulänglich empfinde — wenn ich sehen kann, welches Bedürfnis jeweils dahinter steckt.

Das Prinzip gilt also beim Lehrer- wie beim Elternsein: Kinder lernen und entwickeln sich dann am besten, wenn sie einen sicheren Raum haben, in dem ihre Bedürfnisse gesehen werden und berechtigt sind.

Anspruch und Wirklichkeit in der Unterrichtskommunikation

Wilfried Schley arbeitet viel mit Videos. Dabei werden Lehrer*innen inszenierte Videos mit prototypischen Situationen aus dem Unterrichtsalltag konfrontiert werden. Die allermeisten von uns starten mit einem Idealismus und Überzeugungen in diesen Beruf und lehnen es theoretisch ab, z.B. mit Drohungen zu arbeiten, da wir längst wissen, dass sie vielleicht ein kurzfristig funktionierendes Mittel sind, dass aber das Heranwachsen starker Persönlichkeiten maßgeblich beeinträchtigen kann. Wenn Kolleg*innen dann aber über Videos mit solchen Szenen in den Austausch kommen, wird doch schnell deutlich, wie oft wir in der Realität hinter unserem Anspruch nach Kommunikation auf Augenhöhe o.ä. zurückbleiben (auch hier wieder: Nicht anders geht es mir als Mutter): Tatsächlich manifestieren über 50% der Lehrer*innenäußerungen im Unterricht ein Dominanzverhältnis!
Ein Beispiel: Mitten in einer zentralen Erklär-Phase kommt ein Schüler zu spät zur Tür herein. Der Lehrer unterbricht seinen Vortrag, stellt den Schüler vor der Klasse zur Rede und kündigt Konsequenzen an, über die er ihn in der Pause genauer in Kenntnis setzen werde. Das Ergebnis: Der Lehrer ist unterbrochen, die Schüler*innen sind in ihrem Denkprozess unterbrochen, der zu spät gekommene Schüler fühlt sich beschämt, denkt über drohende Konsequenzen nach und kann ebenfalls nicht lernen. Dafür aber sollen und wollen wir ja die Grundvoraussetzungen schaffen… Es mangelt uns an Ideen und Erfahrungen für andere Handlungsspielräume und vor allem: Die Fähigkeit, in diesem Moment in die Schüler*innenperspektive zu schlüpfen und zu fragen: Was brauchen sie jetzt, um lernen zu können?

Die Kraft der Lehrer*innen

Der dritte Aspekt, den ich aus dem Interview mitgenommen habe, ist der Satz: „Ich bin besorgt um die Kräfte der Lehrer*innen und Lehrer.“ Auch hier knüpft Schley – bezogen auf die Schule – genau an meinen Punkt vom letzten Beitrag an: Erst wenn ich in der Lage bin, meine Gefühlslage und Bewertungen zu reflektieren und meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, kann ich dies auch für meine Schüler*innen versuchen und sie so in ihrem Lern- und Entwicklungsweg unterstützen.

Das bedeutet für mich zum einen, dass wir in der Lehrerausbildung einen ganz anderen Fokus brauchen: Beziehungskompetenzen müssen geschult, geschult, geschult werden und Wege zur persönlichen Weiterentwicklung in diesem Bereich erschlossen werden. Didaktische Fragen kommen an viel untergeordneterer Stelle! Das ist aktuell im Ausbilungsweg (hoffentlich: noch) genau umgekehrt. [Auch eine Bemerkung Wilfried Schleys aus besagtem Interview: Eine Schweizer Kolleg*in, die zu Künstlicher Intelligenz forscht, sage ihm immer wieder (ich zitiere sinngemäß): „Ihr Pädagogen braucht euch für die Zukunft keine Sorgen um das Fortbestehen eures Berufs machen, im Gegenteil. Aber stellt euch darauf ein, dass ihr das Monopol auf Kompetenzvermittlung verliert.“ – Stattdessen muss dann Beziehung, Begleitung, Beratung unsere zentrale Aufgabe sein… Wie cool ist das denn!?!;-) ]

Zum anderen bedeutet die Relevanz dessen, dass wir unsere eigenen Gefühle, Bewertung, Bedürfnisse reflektieren können und damit in Verbindung sein müssen, dass unserer Selbstfürsorge als Lehrer*innen eine große Bedeutung zukommt. Dazu vielleicht in einem weiteren Beitrag mehr!

Zum Abschluss: Drei Übungen für den Schulalltag

Aus meinen Schlüssen aus dem Interview mit Wilfried Schley schlage ich euch jetzt drei kleine, konkrete Übungen für den Schulalltag vor und lade euch herzlich ein, sie auszuprobieren! Ich werde es auch tun und freue mich, wenn wir uns darüber austauschen!

Übung 1 zur „Bedürfnisorientierung“:
Bemühen wir uns um eine Art „design thinking“ (d.h. vom Nutzer des Produkts, also vom Schüler her denkend): Fühle dich diese Woche in einer Konflikt- oder Störungssituation in den/die Schüler*in ein, äußere deine Vermutung über das zugrundeliegende Bedürfnis (dann kriegst du eher eine Rückmeldung, als wenn du offen fragst: Was ist mit dir los?) und lasse dich gegebenenfalls korrigieren. Sei dann – am besten zusammen mit deiner*deinem Schüler*in – erfinderisch, wie diesem Bedürfnis Raum geschaffen werden kann.

Übung 2 zum Punkt „Unterrichtskommunikation“:
Suche dir diese Woche eine Situation von unglücklich verlaufener Kommunikation in deinem Unterricht aus und notiere sie. Schreibe sie dann von dem Punkt ab, an dem zu glaubst, dass du anders hättest abbiegen können, positiv um. Führe dir diesen neuen Lösungsvorschlag möglichst genau vor Augen und fühle dich hinein – dann wirst du für ähnliche Situation in der Zukunft dein Reaktions-Repertoire erweitert haben! (Diese Übung lässt sich auch gut zu zweit im kollegialen Austausch durchführen.)

Übung 3 zum Punkt „Selbstfürsorge“:
Überlege dir eine Sache, die du in dieser Woche zu deiner Selbstfürsorge beitragen wirst. Das kann sein, immer auf dem Weg zum nächsten Klassenzimmer oder vor dem Unterricht einmal ganz tief ein- und auszuatmen, oder, zehn Minuten früher aufzustehen und einen Kaffee in Ruhe zu trinken, oder, morgens eine Straßenbahnstation bewusst zu laufen oder einen schönen Genuss-Umweg zu radeln…

Viel Spaß beim Ausprobieren!
Eure Katharina



Inspiration

Interview von Silke Weiss mit Prof. Wilfried Schley beim Pionners of Education – Online Summit im März 2019: www.pioneersofeducation.online

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