Deshalb brauchen Kinder so unstrukturierte Welten wie möglich, um möglichst ohne ‚Bewachung‘ Erwachsener auszuprobieren, was geht.“ – Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther plädiert für eine Pädagogik, die Kindern maximalen Freiraum gewährt, ihre Lernfelder selbst zu suchen und zu üben und die darauf vertraut, dass das Kind seine Entwicklungsschritte aus sich selbst heraus geht.

Diese These, der z.B. viele freie demokratische Schulen folgen, spricht mich sehr immer an und macht für mich – nicht zuletzt aufgrund meiner persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen mit meinen Schüler*innen und meinen eigenen Kindern – Sinn.

Ein Käsekuchenkaffeklatsch mit Folgen

Bei Kaffee und Käsekuchen mit einem anderen Elternpaar habe ich im vergangenen November nun aber von einer zunächst ganz anderen Herangehensweise erfahren: Die Familie hat sich intensiv mit den Lern- und Entwicklungstheorien Lew Wygotskis (1896 – 1934) befasst und ihr Kind mit Trisomie 21 hat das Förderprogramm am Christel-Manske-Institut in Hamburg durchlaufen, das an seine Erkenntnisse anknüpft: Kinder sollten in ihrem Lernweg eng von einem Erwachsenen begleitet werden, der ihnen das Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung ermöglicht. „Unterricht bedeutet, dass Kinder sich Aufgaben stellen dürfen, die sie lösen möchten aber allein noch nicht lösen können. Alles andere ist nicht Unterricht.“

Bei mir hat dieses Gespräch also eine kognitive Dissonanz hervorgerufen: Der Ansatz leuchtete mir total ein, widersprach sich aber mit meinen eingangs genannten „Überzeugungen“.

Ich bin daraufhin meiner positiven Irritation – ebenso wie meiner persönlichen Betroffenheit als Mutter eines sogenannten (!) „Kindes mit Behinderung“ – gefolgt und habe ich mich mit dieser für mich neuen Sichtweise beschäftigt. Ich hoffe sehr, dass auch der*die ein*e oder andere von euch daraus etwas mitnehmen kann und berichte heute davon — los geht’s!

Behinderung als soziales Konzept

Christel Manske, eine renommierte Heilpädagogin, führt bis heute ihr Institut in Hamburg fort, wo ihr Team Kinder mit Trisomie 21, Autismus und ADHS betreut. Sie bezieht sich auf Wygotski, einen russischen Entwicklungspsychologen und Lerntheoretiker, der Behinderung nicht als biologisches, sondern als soziales Konzept und Phänomen einordnet.

Das Kind mit Behinderung heißt bei ihm (bzw. in den vorliegenden, alten Übersetzungen seiner Schriften aus Russischen) das „defektive Kind“, wir können es in unserem Sprachgebrauch gleichsetzen mit „Kind mit Behinderung“. Er schreibt:

„Alle eindeutig psychologischen Besonderheiten des defektiven Kindes sind ihrer Grundlage nach nicht biologischer, sondern sozialer Natur. Möglicherweise ist die Zeit nicht mehr fern, da die Pädagogik es als peinlich empfinden wird, von einem defektiven Kind zu sprechen, weil das ein Hinweis darauf sein könnte, es handle sich um einen unüberwindbaren Mangel seiner Natur… In unseren Händen liegt es, so zu handeln, dass das Gehörlose, das Blinde, das schwachsinnige Kind nicht defekt ist. Dann wird auch das Wort selbst verschwinden, das wahrhafte Zeichen für unseren eigenen Defekt.“

Schlüssig wird dieser Satz für mich an dem Beispiel, wie wir heutzutage z.B. mit taubblinden Menschen umgehen: In diesen Fällen wissen wir seit Jahrzehnten, dass wir es mit Menschen mit einer körperlichen Besonderheit, aber ganz „normalen“ kognitiven Möglichkeiten zu tun haben — allerdings nur dann, wenn sie als Kinder entsprechende Lernmöglichkeiten für ihre Entwicklungsschritte erhalten. Dass es keinen Sinn macht, einem taublinden Kind aus der Ferne Gegenstände zu zeigen oder darüber zu ihm zu sprechen, ist uns unmittelbar einleuchtend. Vielmehr müssen andere Wege gefunden werden, die es diesem Kind ermöglichen, sich z.B. über den Tastsinn einen Begriff von den Dingen und der Welt zu machen und so in eine Sprache zu finden und ihre Denkfähigkeit auszubilden.

Ein berühmter Fall ist z.B. die bewegende Biografie der amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller (1880-1968), die mithilfe ihrer Lehrerin Anne Sullivan auf beeindruckende Weise ihre Sprache und Entwicklung fand. (Mein Buchtipp dazu: Mein Weg aus dem Dunkel, blind und gehörlos – das Leben einer mutigen Frau, die ihre Behinderung besiegte. Scherz, Bern 1994)

Hier wird also deutlich, dass die Fähigkeiten eines Kindes nicht aus ihm selbst heraus abzuleiten sind, sondern sich erst aus dem sinnvollen Dialog, den ggf. ein*e Erwachsene*r sehr individuell herstellen muss, entwickeln. Behindert wird das Kind demnach erst durch die Umgebung, die eine solche Kommunikation nicht zu leisten weiß.

Sprache als Bedingung für das Denken

Sprache hat für Christel Manske eine zentrale Funktion für die Ausbildung der Gehirnstrukturen, die zum logischen Denken benötigt werden (und auch damit stützt sie sich wieder auf Wygotskis Forschung). Kindern mit Besonderheiten im Spracherwerb ist es daher während ihrer sensitiven Sprachentwicklungsphase zu ermöglichen, auf ihre in diesem Moment mögliche Weise in die Sprache zu finden.

Für die Kinder mit Trisomie 21, die aufgrund von muskulären Besonderheiten im Sprachapparat nicht im gleichen Alter sprechen lernen wie Kinder mit gewöhnlichem Chromosomensatz, heißt dies am Christel-Manske-Institut beispielsweise, dass sie mithilfe von Handgebärden ab dem zweiten Lebensjahr, und schon ab dem dritten Lebensjahr mithilfe einer speziellen Lesedidaktik an die Muttersprache herangeführt werden. Sie lernen also Sprechen durch Lesen, also andersherum als üblich. Denn, so die These, die Kinder müssen ihre Muttersprache bis zum 7. Lebensjahr erlernen, da sie danach wie eine Fremdsprache erlernt wird und die Herausbildung einer regelrechten Grammatik die Grundlage für logisches Denken ist. (Aus diesem Grund wird auch die Rechenschwäche vieler Down-Syndrom-Kinder auf Defizite im Spracherwerb zurückgeführt: Denken, auch Mathematik, wird erst durch Sprache möglich.)

„Die Lautsprache wird mit Hilfe von Gebärden und Schrift aufgebaut. Das Erlernen der Muttersprache während der sensitiven Phase der Sprachentwicklung ist notwendig, da die Kinder nach dieser Zeit ihre Sprache wie eine Fremdsprache lernen. Die Herausbildung der regelrechten Grammatik ist die Vorbedingung für das logische Denken. Das Scheitern der Kinder im Mathematikunterricht ist keine biologische Tatsache, sondern entpuppt sich als Sprachproblem.“

Die Zone der nächsten Entwicklung

„Lernen bedeutet, die jeweilige Entwicklungsstufe zu verlassen und einen Schritt über sie hinauszugehen.“

Diese zentrale These fußt auf der Theorie von der Zone der nächsten Entwicklung. Hier liegt laut Wygotski immer das Entwicklungspotenzial der Lernenden – und hierin müssen sie von einer*m Erwachsenen eng gefördert werden, die*der sich auf ihre kommunikationsebene begeben kann und sinnvolle Interaktion und Lernen ermöglicht. Unterricht bedeutet daher, „…dass Kinder sich Aufgaben stellen dürfen, die sie lösen möchten aber allein noch nicht lösen können. Alles andere ist nicht Unterricht.“

Meine Fragezeichen

Gerade dieser letzte Punkt, die enge Führung, die die Theorie Wygotskis und die Methoden Manskes mit sich bringen, widersprechen sich doch mit dem eingangs beschriebenen Ansatz z.B. freier Schulen, dass Kinder möglichst viel erwachsenen- und lernkonzeptfreie Räume und -zeiten brauchen, um sich zu entwickeln… ODER?

…Tatsächlich fehlt mir etwas, wenn kognitive Intelligenz als einzig Art der Intelligenz vorkommt. Was ist mit Begabungen wie Mitgefühl etc., wie Uli Hauser und Gerald Hüther sie in ihrem Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ beschreiben? Reduzieren wir den Menschen (mit Behinderung) nicht unzulässig auf zufälligerweise für uns wichtige Kategorien, wenn wir auf Bildungsabschlüsse hinarbeiten? (Ein Buch-Untertitel Manskes lautet z.B. „Auch Kinder mit Down Syndrom brauchen einen Schulabschluss“)

Die Überschneidung: Beziehung ermöglicht Lernen

Meine gefundene Gemeinsamkeit der beiden konträren Ansätze lautet: Beziehung ermöglicht lernen. Kinder brauchen Freiraum – UND ihnen darin Sicherheit gebende Menschen – die ihnen stets sinnhafte Äußerungen unterstellen und die jeweilige Kommunikation der Kinder zu verstehen versuchen. Auch für Manske steht ja fest, dass Lernen sich „nicht an einer Endleistung orientieren [kann], sondern nur an der schrittweisen Entwicklung“, und dass ein Kind mit Behinderung nicht durch das „Lernziel ‚Normalität'“ oder „dadurch, dass ihm gar nichts mehr zugetraut und zugemutet wird“ am Lernen gehindert wird. Sie selbst benennt eigentlich schon  diese beiden Pole, zwischen denen Lernen immer schwingen muss: „Lernen ist ein Balanceakt auf dem Hochseil zwischen optimaler Förderung, die alle Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen versucht, und der Unantastbarkeit der Einzigartigkeit des Menschen.“ (S.92)

Nicht zuletzt rütteln alle diese Erkenntnisse maßgeblich an unserem Bildungssystem: Dieses ist hochgradig differenziert (Sonderschulen für Lernbehinderung gibt es in vielen anderen europäischen Ländern z.B. gar nicht) und verwendet viel Kosten und Mühen auf die diversen Selektionsverfahren. Christel Manske – wie Wygotski und Hüther unbedingte Verfechterin inklusiver Beschulung — hält dagegen: „Es gibt keinen guten Unterricht für falsche Kinder“ aus <https://taz.de/!383209/> Schulversagen ist also wortwörtlich zu nehmen als Versagen von Schule und nicht das Versagen eines Kindes! Oder wie Wygotski noch drastischer schreibt: „Es liegt in unseren Händen, ob ein Kind geistig behindert wird oder nicht.“

Was meint ihr dazu?
Was sind eure „kognitiven Dissonanzen“?
Was eure Einwände und Überlegungen?
– Sehr sehr gerne würde ich an diesem Thema weiterdenken und freu mich auf den Dialog mit euch! Schreibt mir hier drunter oder per Mail an: zukunftmachtschule@posteo.de


Quellen und Inspiration

-> Iris Mann (Pseudonym für Christel Manske): Aus der Behinderung ins Leben. Sorgenkinder entfalten ihre Fähigkeiten, Reinbek 1981
-> www.christel-manske-institut.de
-> Christel Manske: Inklusion – Alle erfolgreich unterrichten. Auch Kinder mit Down Syndrom brauchen einen Schulabschluss, Braunschweig 2014.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Semjonowitsch_Wygotski
-> Uli Hauser und Gerald Hüther: Jedes Kind ist hoch begabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen, München 2012.
-> Danke an Christina und Stefan.

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