Wenn wir feststellen, dass Bewertung ist ein „Potenzialentfaltungs-Killer“ ist, sind wir schnell dabei, die Notengebung unter Beschuss zu nehmen. Und das ist meines Erachtens auch richtig so und zur Genüge wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen.

Aber ich erlebe oft, dass gerade unter den „Ziffernnoten-Verdammern“ Bewertung in sehr starker Weise stattfindet. Mir selbst ist das aus dem Waldorf-Kontext sehr vertraut: Ich habe dieses „Bewertungs-Ding“ in meiner Kind- und Schulzeit stark inhaliert und internalisiert. Und ich muss sagen, es gibt heute wenig, was mir im Leben mehr im Weg stünde.

Ich glaube daher, dass es ganz wichtig ist, dass wir bei diesem Thema ehrlich mit uns selbst sind. Denn es ist das eine, keine Ziffernnoten zu geben. Und das andere ist, nicht mit einer Haltung durch die Welt zu gehen, die immer zu allem sofort eine Meinung hat. Wie gesagt, mir geht es ganz  genauso: Alles, was mir widerfährt, was ich erlebe, was mir jemand sagt, sofort nach seinem Wert einordnen zu wollen. Ist es gut oder schlecht? Das sind ja meistens die beiden Pole, zwischen denen wir etwas messen. Aber das bringt mich erstens oft nicht weiter und zweitens bringt es mich immer wieder aus der Verbundenheit in die Distanz. Darum fühlt es sich nicht gut an, weder für die*den Bewertende*n noch für die*den Bewertete*n. Und deshalb hat es auch in der Schule, wo Beziehung so wichtig ist, nichts verloren. Jedenfalls nicht von den Menschen, die dafür Sorgen tragen sollen, dass ich mein Potenzial entfalte! Das heißt: Wenn in der Schule bewertet wird, dann sollten das andere Menschen tun als die Lernbegleiter*innen.

Ich frage mich: Was verpassen wir – beziehungsweise: welche Möglichkeiten hätten wir, welche Welten würden sich uns eröffnen, wenn wir statt der Bewertung der Neugier Raum gäben? Wenn wir mit einem echten Interesse auf die Menschen um uns reagieren. Z.B. statt „Das find ich total doof, was du jetzt gesagt hast.“ mit Neugier zu fragen: „Krass. Warum verletz mich das so?“ und „Krass. Was veranlasst dich, so zu sprechen oder zu handeln?“ Ich glaube, dass, wenn wir ehrlich fragend ins Gespräch kommen, wir auf diese Weise viel übereinander und über uns selbst lernen und uns begegnen können. Beziehung kann stattfinden.

Das muss und soll nicht heißen, dass immer alles in Ordnung ist und dass wir alles stehen lassen. Das ist mir wichtig zu betonen: Es geht nicht darum, nicht „Nein“, „Stopp“ und „Das ist schlecht“ sagen zu können. Im Gegenteil, wir müssen ein sicheres Gefühl dazu entwickeln, wo Grenzen überschritten werden, wo etwas nicht in Ordnung ist. Und wir müssen lernen, da unserem inneren Kompass bedingungslos zu folgen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. (Auch dieses Folgen kann vielleicht zuweilen neugierig bleiben.) Es geht nicht darum, alles von Bewertung frei zu lassen. Sondern darum, auch das Gegenteil, die Neugierde, zu üben. Und in dem Moment, wo es dem Leben und der Potenzialentfaltung und der Liebe dient, die bewertungsfreie Neugierde walten zu lassen — und in dem Moment, wo es dem Leben dient, klar einzustufen, zu bewerten, abzugrenzen, Nein zu sagen, Position zu beziehen, dies zu tun.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die eher das Letztere üben müssen. Ich zähle mich auf jeden Fall zu denen, die eher bei Ersterem an sich arbeiten müssen.  

Wie ist das bei dir?
Was sind eure Gedanken dazu?

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: