Zunächst muss man wissen, dass ich im letzten Jahr meinen Beruf zeitweise sehr grundsätzlich für mich in Frage gestellt habe. Außerhalb von Schule tätig zu sein, erschien mir über längere Strecken des Nachdenkens so viel attraktiver und sinnvoller und ich hatte schon die Fühler vorsichtig in verschiedene Richtungen ausgestreckt.

Irgendwie irgendwann hat sich das wieder gedreht – worüber ich heute total glücklich bin – und ein erster Weck-Ruf in diese Richtung war das Interview von Martin Kirchner mit Silke Weiß (Lehrerin, Schulentwicklerin und social entrepreneur) im Rahmen des Online-Summits der ‚pioneers of change‘: Dort sagte Silke an einer Stelle sinngemäß, dass es in der Schule ja schon ein bißchen so sei, dass man als Lehrer*in seine Persönlichkeit an der Garderobe abgebe, bevor man das Klassenzimmer betrete…

Das saß. Ich hab so sehr gemerkt: Das ist ein großer Punkt, an dem mir der Schul-Schuh drückt! Und dies aus fremdem Munde öffentlich ausgesprochen zu hören, hat mich total darin bestärkt, nicht aus Schule rauszugehen sondern daran mitzuarbeiten, hier neue Wege zu finden…

Die „Lehrerpersönlichkeit“

Dabei war es für mich von den ersten Minuten des Referendariats an kein Ding, meine sogenannte „Lehrerpersönlichkeit“ zu „finden“ (wie absurd dieses Wort und diese Formulierung allein schon sind!). Dadurch, dass ich schon immer viel und auch gerne vor Gruppen gestanden hatte – vor allem im musikalischen Kontext, d.h. Chöre, Orchester – war ich es gewohnt, eine Gruppe über einen gewissen Zeitraum zu einem gewissen Ziel zu führen, wie meine „Schäfchen“, und dafür zu sorgen, dass sich alle einigermaßen wohl dabei fühlen und am Ende etwas Schönes herauskommt.

Vielleicht gerade, weil es für mich nie ein Thema war und ich auch meistens ganz positive Rückmeldungen erhielt, habe ich diese Rolle, in die ich da schlüpfte – zugespitzt formuliert: die eines zugewandten, aber professionell distanzierten Lehrers – erstmal nicht in Frage gestellt.

Aber wie das so ist im Leben: Wenn Zeitdruck aufkommt, wenn Konflikte auftauchen, wenn es Probleme gibt und persönlich wird, dann kommen wir – zum Glück – mit so einer „Rolle“ nicht mehr so richtig und vor allem nicht ehrlich weiter. Und ein zweiter Aspekt: Dadurch, dass ich mich in diese Rolle begebe – und ich tue das ja freiwillig – dränge ich die Kinder und Jugendlichen wiederum in ihre spezifische Rolle als Schüler*innen. Aber Potenzialentfaltung braucht aber andere Rahmenbedingen, nämlich Menschen statt Rollen! 

„Was wäre, wenn unsere Grundhaltung die Liebe wäre?“

Dann hörte ich Gerald Hüther in einem Interview – wiederum mit Silke Weiss, diesmal beim Online-Symposium ‚Pioneers of Education‘ diesen Frühling: „Was wäre, wenn unsere Grundhaltung die Liebe wäre?“

Ich weiß nicht, wie es euch Leser*innen geht, vor allem den Kolleg*innen, aber ich dachte sofort: O, das ist aber ganz schön gewagt! Denn Gerald Hüther unterläuft damit schon ein gewisses Selbstverständnis unseres Berufsstandes und dessen, was wir gemeinhin unter Professionalität verstehen.

Gewagt, aber wunderbar und so, so, so plausibel

Aber gleichzeitig ist dieser Satz so wunderbar und so, so, so plausibel!
Denn gehen wir mal von uns selbst aus, von unseren Liebsten, von unseren Kindern: Wann entfalten wir unser Potenzial, wann können wir alle unsere Seiten, Stärken und Schwächen, zum Tragen bringen, integrieren, zu ganzen Menschen werden und in unsere Kraft kommen? Dann, wenn wir uns geliebt fühlen. 

Neuer Leitstern

Ich weiß oder ahne nur, dass diese Idee unendlich viel von uns Lehrer*innen fordert. Aber wie wäre das, was könnten wir damit bewirken und wie sähe Schule dann aus, wenn der Leitstern unserer Haltung die Liebe wäre!?


Inspiration:
www.pioneersofchange.org
www.lernkulturzeit.de (Silke Weiss)
www.gerald-huether.de

Beteilige dich an der Unterhaltung

4 Kommentare

  1. Da stimme ich zu und mir fiel eben gleich das Zitat von Friedrich Fröbel ein: „Erziehung ist Liebe und Beispiel,sonst nichts.“ Das finde ich auch bezüglich Schule so passend,auch wenn man über das „sonst nichts“ natürlich diskutieren kann ;).
    Liebe Grüße Heinke

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  2. Das Hüther-Zitat spricht mir aus der Seele. Ich denke die Liebe ist letztlich die mich tragende Kraft und Motivation in diesem Beruf. Was mir etwas unklar ist, ist deine Kritik an der Rolle. Widerspricht sich das Mensch und Rolle? Nehmen wir nicht auch in der Liebe Rollen ein und ist es vielleicht manchmal gut eine „wichtige Rolle“ im Leben eines Menschen zu spielen?
    Liebe Grüße
    Georg

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  3. Hallo Georg,
    „Rolle spielen“ meinte ich hier tatsächlich als ein Gegenteil zu „Mensch“ oder „ich“ sein. Nach meiner Erfahrung fühlt sich das tatsächlich sehr unterschiedlich an. Schlüpfe ich da wie in eine Verkleidung rein (und wenn die mir noch so gut steht) und bin allzeit darauf bedacht, dass ich nicht aus der Rolle falle und ggf. mein Pokerface bewahre, oder lass ich mich als Person stärker durch. Das eine schafft mehr Distanz, das andere mehr Nähe zum Gegenüber.
    Liebe Grüße vom Berg hinunter 🙂 Katharina

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