Meine erste Wette bei „Enkeltauglich leben“, das ich in diesen Monaten in einer Gruppe mit sechs anderen Menschen in Freiburg spiele, ging in eine ganz andere Richtung, als ich erwartet hatte.

Bei diesem Spiel ist es so, dass es pro Treffen ein übergeordnetes Thema gibt, über welches man in den Austausch kommt und aus dessen Bereich abschließend jede*r eine Wette formuliert, was er*sie bis zum nächsten Treffen umsetzen wird.
Bei jedem Thema lassen sich dabei unterschiedlich weite Kreise ziehen, es gibt z.B. Impulsfragen zum Thema „Gerechtigkeit“ in meinem ganz nahen Umfeld bis zu globalen Perspektiven. Im Voraus des ersten Treffens war ich eigentlich auf die „weiteren Kreise“ eingestellt und wollte in diesem Rahmen eine Wette formulieren, aber an dem Morgen fühlte es sich eindeutig so an, dass mein Fokus gerade ehrlicherweise woanders hingehörte, nämlich zu meinem Kommunikationsverhalten mit meinen Kindern.

„Ich wette, dass ich bis zu unserem nächsten Treffen mit meinen Kindern gewaltfreier kommunizieren werde (GfK-Prinzipien).“

Zuhause holte ich dann erstmal meine Bücher aus dem Schrank, die ich vor Jahren gelesen hatte, als ich mich mal recht intensiv mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigt habe. Es war sogar ein Buch zu „GfK mit Kindern“ dabei, obwohl das vor der Geburt meines ersten Kindes gewesen sein muss… Ich bin großer Fan von Marshall B. Rosenberg und der Grundidee seines Handlungskonzepts, der echten Begegnung in der Kommunikation zweier Menschen. Der Vierschritt (den musste ich nochmal auskramen) – Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte – ist ein super Tool, das natürlich oft geübt werden muss, um in Routine überzugehen und unsere Kommunikation nachhaltig zu verändern.

Mir ist bewusst, dass es normal und notwendig ist, dass dieses Üben erstmal holprig ist und es sich immer erstmal sehr gekünstelt anfühlt, nach so einem Schema zu kommunizieren. Und dennoch hab ich sowohl schon beim Lesen des Buchs als auch bei den ersten Anläufen mit meinen Kindern gemerkt: Es widerstrebt mir total. Ich will nicht in gefühlten „Floskeln“ und nach einem Konzept mit meinen Kindern reden und in meiner Kommunikation mit ihnen ein Projekt umsetzen. Das heißt nicht, dass ich nicht bewusst mit ihnen reden will und hinterfrage, was mir an einfach schon eingeübten Floskeln und unreflektierten Konzepten tagtäglich rausrutscht und echter Begegnung ebenso im Wege steht… Aber es fühlte sich eben auch so überhaupt nicht gut und wie den Kindern übergestülpt an, jetzt mit Giraffen- und Wolfssprache und dem angewandten Vierschritt anzukommen.

Nach zwei, drei Wochen des Versuchens und regelmäßigen desaströsen Scheiterns (Schreien, Schimpfen und Tränen auf beiden Seiten und so…) hatte ich irgendwann die zentrale, einfache Erkenntnis: Meine eigenen Bedürfnisse sind momentan so überhaupt nicht erfüllt und ich könnte gleichzeitig noch nicht mal richtig sagen, welche das überhaupt wären! Wie soll ich dann einfühlsam mit meinen Kindern sein und ihre Bedürfnisse in Konfliktsituationen wahrnehmen und mit ihnen in echten Kontakt gehen, wenn ich das noch nicht mal bei und mit mir selbst einigermaßen hinkriege? Und kaum legte ich den Fokus darauf, wurde es plötzlich viel leichter…

Und dann wär‘ da noch die Sache mit der Fehlertoleranz

…Leichter, aber nix konfliktfrei und nix ohne Schreien, Schimpfen, Tränen. Und hier hat mir ein Gespräch mit einer Freundin und erfahrenen Mutter total gut getan: Wir brauchen super viel Fehlertoleranz.
Theoretisch würden wir das ja alle unterschreiben, Kinder brauchen keine perfekten Eltern und so. Aber nicht abends im Bett zu liegen und zu grübeln, was alles heute wieder schief gelaufen ist und mir das nachzutragen, fällt zumindest mir gar nicht so leicht. Dabei wünsch ich das doch auch meinen Kindern: Bei Frust über ein selbstgemaltes Bild oder einen verdrehten Buchstaben, die nicht den eigenen Erwartungen entsprechen… „Kopf hoch, nächstes Mal versuchst du’s wieder.“ — Da kann ich mir den Mund fusselig reden, wenn ich es nicht selber auch übe und lebe!
[Ich lege euch dazu hier noch das Geburtstagslied des Liedermachers Paul Gentner – gerade live gehört – ans Herz: „Ich gratuliere dir zu jedem Fehler, dass du zweifelst und dich hinterfragst…“ – Danke, Passi!]

Eine fünfeinhalbköpfige Familie, in verschiedenen Lebensabschnitten und mit unterschiedlichsten individuellen Herausforderungen: Bedürfnisse kollidieren bei uns quasi dauernd. Teilweise können wir als Eltern die Rahmenbedingungen so anpassen, dass weniger Kollisionen vorprogrammiert sind. Aber oft sind die Bedingungen eben auch einfach gegeben, von außen oder dadurch, dass wir jede*r sind, wer und wie wir sind. Dann gibt es jede Menge Konflikte. Und, späte Erkenntnis (zumindest tatsächlich gefühlte – theoretisch ist mir das natürlich schon lange klar…): Die gehören dazu und sind ok. Und wir sind allesamt (und ich eingeschlossen) auch ziemlich, wenn nicht sogar ziemlich ziemlich ok. 🙂

Begegnung statt Erziehung und unmittelbarer Kontakt statt Gesprächsanleitung

Mein Fazit dieses ganzen Wettvorhabens also: Begegnung statt Erziehung! Im Moment. Mit dem Gegenüber und mit uns selbst. Das macht nichts perfekter oder konfliktfreier, aber schöner und direkter. Und die eigenen Bedürfnisse klarzukriegen – auch dabei können wir uns gegenseitig helfen, wenn wir in einem unmittelbaren Austausch sind:
Als ich meine Tochter (sie ist gerade vier geworden) vorgestern ziemlich impulsiv angeschnautzt habe, weil sie ihren kleinen Bruder höchst unsanft herumzerrte, und ich mich kurz später bei ihr für den Ausfall entschuldigt habe: ich sei heute irgendwie voll müde, sagt sie mir: „Ja Mama, dann mach doch jetzt erstmal deinen Mittagsschlaf!“

Inspiration

– Marshall B. Rosenberg: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Freiburg 2004.
– Justine Mol: Aufwachsen im Vertrauen, Paderborn 2007.
– Pascal Gentner: Ich gratuliere dir (youtube), www.pascal-gentner.de
– Carola. Danke!

In circa zwei Wochen geht’s weiter mit Bedürfnisorientierung in der Schule – bis dann! Eure Katharina

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